Technikfolgenabschätzung KI, Teil 4: Hegel und die KI
- Sven Wilms

- 7. Mai
- 2 Min. Lesezeit
In unseren ersten Essays zur Technikfolgenabschätzung zu KI haben wir uns bereits mit der berühmten "Amputations-These" des Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan aus dem Jahr 1964 beschäftigt, in der er postuliert, dass jede Erweiterung der Möglichkeiten des Menschen durch Technik mit einem Verlust an Fertigkeiten einhergeht. Diese trifft auch auf die Nutzung von Sprachmodellen zu.
In diesem Essay wollen wir noch einen Schritt weitergehen und uns dem deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831) zuwenden. Er schreibt in seiner "Phänomenologie des Geistes" über die Dialektik von Herrschaft und Knappschaft den berühmten Satz "Was der Knecht tut, ist eigentlich Tun des Herrn". Die Handlungen des Knechts sind eigentlich Handlungen seines Herrn, weil diese sie ihm befohlen hat. Das leuchtet ein. Hegel geht aber noch weiter: Dem Herrn bleibt dadurch das dingliche Sein verborgen bzw. es wird ihm fremd. Der Knecht - so Hegel - verwirklicht sich in seiner Arbeit als handelndes Subjekt und erfährt sich auf diese Weise als eine souveräne Person. Der Herr jedoch wird von der Arbeit seines Knechts umso abhängiger, je weniger er sich selbst um die Dinge seines Lebens kümmern muss. Ihm geht der direkte Bezug zur Welt verloren.
Was Hegel beschreibt: Selbstbewusstsein entsteht im Selbst-Machen und in der Anerkennung, die das Ergebnis dieser Tätigkeit mit sich bringt. Wo bleibt diese Anerkennung und das Selbstbewusstsein, wenn der KI-Assistent alles übernimmt?
Wie eine Studie zeigt, führt die Delegierung des Schreibens an die KI zu einer "psychologischen Trennung vom schriftlichen Output", der Mensch fühlt sich nicht mehr als Eigentümer, wenn er den Text nicht selbst schreibt (Lee Rainie "Close encounters of the AI kind", März 2025). Das Gefühl, nicht mehr mit den Texten - oder "Dingen" verbunden zu sein, wenn man sie von der KI schreiben lässt, ist also bereits da. Ist die ein Grund zur Hoffnung?
Meines Erachtens nein. Die Arbeitsentlastung und die Effizienzsteigerung durch die KI ist einfach zu groß. Schon jetzt beauftragen wir unser Sprachmodell immer mehr damit, unser Leben zu organisieren, vom Zeit- und Aufgabenmanagement bis zu Zielsetzungen im Leben. Wir werden dem Sprachmodell vertrauen, wie wir heute bereits unserem Navigationsgerät vertrauen.
Und: hatten wir etwas ähnliches nicht schon einmal, nicht lange her: Das Gefühl, zu sehr mit einem neuen Medium zu verschmelzen, hatten wir auch schon beim Smartphone. Trotzdem haben nur sehr wenige von uns das Smartphone gegen ein minimalistisches Telefon eingetauscht. Nach der Amputation kommt die Angst vor der Amputation: die Angst, das Gerät, das an die Stelle unserer Fähigkeiten trat, könnte uns wieder weggenommen werden.
Auch in diesem Essay wissen wir keine Abhilfe. Es wird so kommen: die wachsende Abhängigkeit von der KI wird uns in das Knecht-Herrn-Paradoxon führen.






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