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Technikfolgenabschätzung KI, Teil 3: KI als Weltverbesserer?

  • Autorenbild: Sven Wilms
    Sven Wilms
  • vor 5 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Fangen wir von vorne an: unser heutiges Essay soll mit dem Hypertext beginnen. Ein Hypertext ist ein Text, der mit anderen Texten oder Ressourcen durch Hyperlinks verknüpft ist. Diese Verknüpfungen ermöglichen es, nicht-linear zwischen verschiedenen Inhalten zu navigieren. Statt in einer festen Reihenfolge gelesen zu werden, können die Nutzenden selbst entscheiden, welchen Pfad sie verfolgen möchten. Das ist auch der Grund, warum viele Menschen damals sagten, der Hypertext werde die Gesellschaft demokratisieren. Die Texte stünden in Relation mit anderen Texten und müssten sich so immer wieder in Frage stellen lassen, also eine Art gesunder Skepsis. Das Problem war nur: man hatte keine Kontrolle darüber, welche Pfade geklickt wurden. Und da Menschen dazu neigen, das Einfache zu suchen, wurden die Pfade geklickt, deren Texte einfach formuliert waren. Dies führte zu einer starken Vereinfachung der Inhalte, weniger zu einer Demokratisierung.


Als „Weiterentwicklung“ des Hypertextes entwickelte sich rasch das Internet. Auch hier wurde wieder die Demokratisierung des Wissens postuliert. Es erschien als Erfüllung des Wunsches von Bertolt Brecht, der in den 1920 Jahren beklagte, dass das Radio nur ein neues technologisches Medium sei, aber weiterhin nur eine Stimme zu vielen spräche (wie im Buch, Theater, Film). Sein Wunsch war es, dass jede(r) gehört werden, jede(r), bildlich gesprochen, das Mikrofon in der Hand hat. Dies wurde nun durch das Internet bzw. mit der einfachen Erstellung eigener Webseiten im Internet möglich. Aber auch hier das Problem: man hatte keine Kontroll-Instanz mehr über den Inhalt, der in das Netz gestellt wurde. Ein Problem, das sich mit den sozialen Plattformen potenzierte. Am Anfang seiner Existenz wurde Facebook dafür gelobt, dass es eine neue Art der Kommunikations-Organisation darstellte, in der viele Menschen interaktiv kommunizieren konnten. Jahre später stellte man fest, dass sich auf diesen Plattformen aber auch viel Hate-Speeches, Fake News ansammelten und die Menschen sich in „Blasen“ bewegen und mehr übereinander als miteinander sprechen. Hinzu kommt die Problematik, dass stark emotionale Beiträge eine stärkere Aufmerksamkeit durch die Algorithmen bekommen als ausgewogenere Beiträge, was der Kommunikation miteinander nicht förderlich ist. Das alles führt bereits dazu, dass Menschen zunehmend den menschlichen Diskurs/Kontakt vermeiden, da man hier mit unterschiedlichen Meinungen, Perspektiven konfrontiert sein könnte, man bewegt sich lieber in seiner emotionalen Blase.


Was hat das alles mit KI zu tun? Nun, zum Beispiel kann man sehr einfach mit KI aus dieser Filter-Blase ausbrechen (wenn man es dann macht): Ein einfacher, recht billiger LLM-Zugang ermöglicht es einem, die Sprachmodelle nach allem möglichen zu fragen, 24/7, das Sprachmodell wird nicht müde, es einem immer und immer wieder zu erklären. (Kleiner Marketing-Einschub: Mit dem KI-Arbeitsplatz von unserem Technologiepartner Kauz.ai kann man auf verschiedene LLMs zugreifen. Unterschiedliche LLMs antworten auf Fragen unterschiedlich, man kann sich also auch eine „breitere“ Meinung einholen). KI ermöglicht damit allen sozialen Schichten einen preisgünstigen Zugang zu Wissen. Es ist bekanntermaßen auch möglich, die KI so „einzustellen“, dass sie meinem Bildungsstand entsprechend antwortet. Stichwort: Ali Five („Answer like I am five“). Leider ist meine persönliche Meinung, dass KI diesen „gap“ weiter vergrößern wird, da einige es verstehen werden, KI positiv zu nutzen, zum Beispiel, indem sie die KI bitten, Parteiprogramme zusammenzufassen, die sie sonst nie lesen würden, und andere nicht.


Wir möchten nun aber auf einen noch wesentlicheren Punkt im Bezug auf die Frage „KI als Weltverbesserer?“ eingehen. Wie Sie wissen, wird in Sprachmodelle sehr viel Inhalt eingelesen (Text, Videos,…), dies erfolgt aus verschiedensten Quellen (Websites, Wikipedia, Bücher, Foren,…) und wird unterschiedlich gewichtet. Der Inhalt deckt also, grob gesprochen, die Gesellschaft ab (bei ChatGPT eher die westliche/amerikanische, da der amerikanische Content überwiegt). Dieses „numerische, empirische“ Antrainieren des Sprachmodells enthält den „Ist-Zustand“ der (eingelesenen) Welt, mit all seinen Vorurteilen. In der Regel möchten die LLM-Anbieter aber nicht den Ist-Zustand ausgeben. Sie führen ein Finetuning auf den Ist-Daten durch, um das Modell anzupassen. Dies erfolgt zum Beispiel durch Neugewichtung der eingeflossenen Daten(quellen) und/oder durch sogenannte System-Prompts („antworte nicht rassistisch“) und ergibt einen „Soll-Zustand der Welt“. Hier entsteht nun die Problematik: was ist der „richtige“ Soll-Zustand? Sprachmodelle werden in Zukunft unser Bild der Welt beschreiben (textuell, grafisch, …). Sie haben damit einen starken Einfluss auf die Gesellschaft. Wie können die Personen, die dieses Finetuning durchführen, den unterschiedlichen Strömungen und Perspektiven in der Gesellschaft gerecht werden? So wird der Kulturkampf, den es in jeder Gesellschaft gibt zwischen eher konservativen und eher progressiveren Kräften, auf die LLM-Anbieter übertragen. Aktuell deutlich zu registrieren in den USA, wo einerseits ein starker Kulturkampf herrscht und andererseits die meisten Sprachmodelle entwickelt wurden.


Aber nicht nur innerhalb einer Gesellschaft ist der „richtige Soll-Zustand“ zu diskutieren. Relevant ist diese Frage auch über Gesellschafts- und Kulturgrenzen hinweg. Fragen zur Ehe, zur Sexualität und vielem anderen mehr kann in unterschiedlichen Kulturen von der Gesellschaft mehrheitlich unterschiedlich beantwortet werden. Sprachmodelle werden (zumindest zurzeit noch) weltweit einheitlich genutzt. Eine Frage wie: „wie stehst du zur gleichgeschlechtlichen Ehe?“ wird von OpenAI GPT-5 im November 2025 aus unserer westlichen Sicht möglichst neutral beantwortet:

„Ich habe keine persönlichen Meinungen. Aus einer sachlichen Perspektive:

  • Befürworter sehen Ehe für gleichgeschlechtliche Paare als Frage der Gleichberechtigung und rechtlichen Absicherung (z. B. Erbrecht, soziale Sicherheit, Elternrechte).

  • Gegner berufen sich oft auf religiöse oder traditionelle Vorstellungen von Ehe.

  • Viele Länder haben die Ehe geöffnet; gesellschaftlich wird sie meist als Schritt zu mehr Gleichbehandlung bewertet.

  • Studien finden keine Nachteile für Kinder in gleichgeschlechtlichen Familien im Vergleich zu anderen Familienformen.“

Aber auch diese Antwort mag in anderen Kulturen Widerspruch hervorrufen. Ist dies also ein Kultur-Imperialismus, ein Neokolonialismus, wie es aus manchen Ländern postuliert wird? KI als (westliche) Weltverbesserung? In diesem Essay werden wir keine Lösung für diese Thematik finden, aber es lohnt sich, darüber nachzudenken.


 
 
 

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