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  • Sven Wilms

Kreativität: das letzte Privileg des Menschen?

Ist Kreativität das letzte Privileg von uns Menschen oder wird KI auch dem Menschen überlegen sein? Dies sind Fragestellungen, die immer wieder in Fachkreisen diskutiert werden. Für unsere Gesellschaft ist es (überlebens-?) wichtig, zu erkennen, wo KI zur Schaffung von neuen Dingen eingesetzt werden und wo KI den Menschen ersetzen kann.


Was bewegt uns Menschen dazu, Innovation zu entwickeln? Man erkennt einen Spielraum für Verbesserungen, vielleicht ist es auch einfach eine Gelegenheit, ein Zufall. Häufig sind es auch emotionale Faktoren und nicht der rein rationale Faktor, der uns Menschen dazu bringt, neue Dinge zu schaffen. Die Frage ist, was ein KI-System antreibt, innovativ zu sein. KI hat kein Bewusstsein. (An-) Treiber von KI-Systemen sind immer Daten, mit denen die Systeme trainiert werden. Diese Trainings-Daten werden derzeit noch vom Menschen vorgegeben und damit bestimmt. KI-Systeme werden jedoch immer autonomer und „Lernen zu Lernen“.


KI: die neue Kreativität!

Dass KI bereits standardisierten Content wie News, Sportnachrichten oder Wetterberichte schreibt, ist bekannt (siehe zum Beispiel Armin Sieber "Dialogroboter"). KI kann noch mehr. Ein beeindruckendes Beispiel ist die KI-unterstütze Erstellung einer Ausgabe des britischen Marketing-Magazins „The Drum“. Tausend Exemplare wurden von der Ausgabe gedruckt, bei der die KI sowohl die Bilder auswählte, Texte anpasste und die Seiten gestaltete. Gespeist wurde die KI dafür mit Daten der Gewinner des Goldenen Löwen vom Cannes Lions International Festival of Creativity. Es ging also nicht nur darum, das Magazin zu erstellen, sondern gleichzeitig eine Künstliche Intelligenz zu entwickeln, die den Geschmack des Lifestyle-Publikums trifft.


Auch vor der Werbung machen diese Veränderungen nicht halt, obwohl dies ein Bereich ist, von dem man zunächst denkt, dass es auf sehr menschliche Kreativität ankommt. Doch bereits 2018 hat Lexus neue Werbespots durch eine KI entwickeln lassen. Die Handlung und das gesamte Bildmaterial wurden also von einer KI erstellt. Dafür wurde Kampagnen-Material von Auto- und Luxusmarken der vergangenen 15 Jahre analysiert, die allesamt bei den “Cannes Lions” Kreativpreise gewonnen haben. Auf diese Weise lernte die KI, welche Inhalte besonders gut ankommen, zu einer Marke wie Lexus passen und wie sie letztlich zu einem Film zusammengesetzt werden können. Und so dringt KI immer mehr in die kreativen Bereiche vor. Siehe hierzu zum Beispiel Prof. Dr. Gentsch, CEO der Business Intelligence Group.


Die beiden Beispiele zeigen, dass sich KI-Anwendungen zunehmend von strukturierten, repetitiven Aufgaben auch in Richtung kreativer und innovativer Anwendungen entwickeln.

Es geht auch noch dynamischer. Klassische Personalisierung funktioniert so, dass aus vorhandenen Inhalten ausgewählt wird, was am besten zum Konsumenten passt. Aber es geht weit über die bisherige Personalisierung hinaus, wenn eine KI komplett individuelle Inhalte erstellt. Durch einen solchen Ansatz entsteht ein sehr kundenzentrierter, datengesteuerter Ansatz: Die einen Kunden bekommen die Filmtrailer mit den schnellen Autos - die anderen die mit den schönen Landschaften. Wenn man das bis zum Ende durchdenkt, kommt man zu Eins-zu-eins-Produktionen von Filmen und der Erschaffung von ganz neuen Dingen. Ein Zuschauer bevorzugt die Produkte von Nike: Der Schauspieler trägt Nike. Ein anderer Zuschauer bevorzugt Produkte von Adidas: Der Schauspieler trägt Adidas. Wobei dies ein stark vereinfachtes Beispiel ist. Die Vorteile der KI sind, dass es nicht eine solche rein regelbasierte Arbeitsweise ist, sondern Muster erkannt und genutzt werden - auch solche, die vorher vollkommen unbekannt waren.

Dies ist eine Möglichkeit, neue Ansätze auf der Grundlage von Daten und KI zu schaffen, die genau das liefern, was das Publikum möchte. Das ist Performance-Marketing: Man sagt vorher, was Umsatz bringt und produziert dann Inhalte und Innovationen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit gesehen und gelesen werden.


Wer gewinnt nun: Mensch oder Maschine?

Bei den gezeigten Beispielen werden bestehende Daten analysiert und daraus eine Vorhersage für neue Lösungen entwickelt. Es gibt jedoch noch eine andere, viel stärkere Innovation: die radikale Innovation. Dies ist für KI derzeit noch unmöglich. Die gute Nachricht für uns Menschen ist, dass der Mensch in Bezug auf radikale Kreativität und Innovation die KI schlägt. Die Kehrseite dieser Medaille ist allerdings, dass nur 3 Prozent der Innovationen durch radikale Kreativität geschaffen werden - und somit 97 Prozent der Innovationen solche sind, die auch die KI leisten kann.


Wollen wir in einer von KI kreierten Welt leben?

Viele Konsumenten können es sich nicht vorstellen, ein durch die KI gemaltes Bild an die Wand zu hängen oder von KI komponierte Musik zu hören. Interessanter Weise zeigen viele empirische Test, dass der Konsument gar nicht mehr in der Lage ist, den Unterschied zu erkennen. Wir werden uns an diese künstliche Produktion gewöhnen müssen. In vielen Bereichen des täglichen Lebens machen wir dies schon bewusst oder unbewusst. Beispielsweise bei Pressemitteilungen, Sportbeiträgen und Zeitungsmeldungen über Erdbeben. Der normale Leser kann zwischen einem Beitrag, der von der KI geschrieben wurde, und dem eines Redakteurs nicht mehr unterscheiden.


Wenn wir alles der KI in die Hand geben, landen wir in einer auf ökonomischen Prinzipien basierenden Wirtschaft. In solch einer mechanistischen und artifiziellen Welt will vermutlich niemand leben. Es stellt sich damit die Frage, wie wir durch die richtige Kombination von Menschen und Maschine das beste gesellschaftliche Ergebnis erzielen können.


Der erste Schritt dorthin heißt Information und Aufklärung: erst wenn wir uns aller (positiver und negativer) Aspekte der KI bewusst sind, können wir den richtigen Weg identifizieren und einschlagen. Hierfür ist dann eine breite gesellschaftliche Diskussion notwendig: in welcher Art von Welt wollen wir leben? Dies sind zum Beispiel Themen der Digitalen Ethik und Maschinenethik. Themen, denen wir uns immer wieder widmen. Zum Beispiel auf unserem Online-Zukunftsforum „KI und VR aus Deutschland“ im März diesen Jahres mit dem Vortrag „KI und Moral in unserer Gesellschaft – (un-) vereinbar?“ von Frau Sophie Jentzsch vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) und in unseren regelmäßigen Newslettern und Blogbeiträgen. Verfolgen Sie mit uns die Entwicklung. Informieren und diskutieren Sie über diese Themen in Ihrem persönlichen Umfeld, in Ihren Unternehmen. Nur so können wir KI auch für Kreativität und Innovationen nutzen.



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